Auszüge aus den Reaktionen nach Erscheinen des Romans
"Der Auftritt des linkshändigen Dichters Alexander Galajda"
Im Jahr 1995, als der Roman erschien, war er ein Solitär der österreichischen Literatur. ...
Jetzt, im Abstand von fast fünfzehn Jahren, vermag man zu sagen, dass hier ein Klassiker der österreichischen Literatur gelungen ist. Anton Thuswaldner, 2010
Salzburger Volkszeitung, 22. November 1995, Georg Fink
KIND IN ABSURDER WELT
Die Dramatikerin Maria Georg Hofmann – ihre Werke wurden u.a. beim Steirischen Herbst uraufgeführt – hat nun ihren ersten Roman verfasst.
Der Roman führt in ihre ungarische Heimatstadt, in die Zeit von 1933-1945. Mit großem Detailreichtum und ausgefeilter Vielstimmigkeit wird die kleine Welt einer Familie in einer kleinen Stadt ausgebreitet, in die unausweichlich die große Welt mit Gewalt und Krieg einbricht. Im Mittelpunkt des Romans steht ein Kind, das sich außerhalb der Normen einer Gesellschaft stellt, in der der zwischenmenschliche Krieg auch so schon längst Einzug gehalten hat. ... In „Der Auftritt des linkshändigen Dichters Alexander Galajda” verschmelzen theatralische, epische und lyrische Passagen zu einem komplexen Ganzen. Diese motivische und sprachliche Vielschichtigkeit macht Maria Georg Hofmanns Roman zu einer Lese-Herausforderung.
Oberösterreichische Nachrichten, 7. Februar 1996
... Ein Text, der durch die Zeiten ruckartig und unversehens springt, mit vielen immens traurigen, schrecklichen Passagen, mit vielen heiter-skurrilen auch. Das blitzt in Europa hin und her, hat mächtig viel Temperament und eine eher androgyne persönliche Kontur der Hauptperson, aber die Zeit-Konturen sind scharf gezeichnet.
Kulturzeit ZDF, 23 Februar 1996 / Interview mit Elke Schmitter
... Maria Georg Hofmann beschreibt einen Tumult, der Leben heißt mit ganz angemessenen Mitteln. In jeder Beobachtung klar, in jeder Wahrnehmung deutlich, in jedem Urteil direkt – und doch, in ihrem Sprachfluss, ganz am Lebendigen entlang, in dem alles zusammenhängt: Wenn sie nur einen Faden zieht, hat sie gleich das Knäuel in der Hand, mit all jenen Verknotungen, die Familie und Nachbarschaft, Kirche und Schule, Krieg und Freunde, Historie und Gegenwart bilden. Und die sie staunend konstatiert, wenn auch nicht wundernd: denn wundern, also Staunen mit Urteil im Rücken, können sich nur die Erwachsenen.
Süddeutsche Zeitung, München 23./24. März 1996
... Kinder, macht uns das Buch der Maria Georg Hofmann glauben, sind radikale Empiristen: ums Verstehen schon bemüht, zunächst aber bereit, mehr als Erwachsene zu sehen; Erfahrungen zu machen, die nicht schon ranzig sind, wenn man sie macht.
... Ungarn, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg: In der Historie, die uns fälschlich so übersichtlich erscheint. Und die ein schwankendes Schiff gewesen sein muss, selbst ohne die Ahnung des Krieges: jedenfalls ein Schiff, in dem die Plätze auf dem Mitteldeck nicht sicher waren, sondern erkämpft und dann verteidigt werden mussten. Und gegen welche Unbill! Da gibt es die Großeltern mit einem Deserteur dabei und einer Nymphomanin, und einer trägt den Namen Neumann, der doch irgendwie jüdisch klingt, und Bruder Gabili hat einen Wasserkopf ... Aber es reicht nicht, dass die Familie selbst für Unterhaltung sorgt, für Angriff und Verteidigung, für Schrecken und Verdammnis: der Ozean, auf dem sie segelt, gerät dann selbst ins Schlingern, der Reichsverweser Horthy muss die morschen Geschäfte an die Nazis übergeben ...
Neue Zürcher Zeitung, 11. Juli 1997, Thomas Diecks
Bereits auf den ersten Seiten wird der Leser von einer surreal anmutenden Welt gefangengenommen. ... Geradezu rabelaisk die Lust am Fabulieren, die Freude am Ersinnen grotesker Situationen. ... eine „tragi-comédie humaine” ganz eigener Art, ein grell ausgeleuchtetes Sittenbild, das von dem aussichtslosen Kampf der Geschlechter handelt. ... Wie Grass’ blechtrommelnder Oskar nimmt das erzählende Kind mit scharfem Blick das Treiben der Erwachsenen wahr und begehrt gegen diese Welt auf. ... atmospärisch dichte Schilderungen von bedrängender Anschaulichkeit, Bilderfolgen Buñuels vergleichbar.
Oberhessische Presse, 28. März 1996
Die Österreicherin Maria Georg Hofmann ist bislang vor allem als Dramatikerin auf der literarischen Bühne aufgetreten. Ihr opulenter Roman „Der Auftritt des linkshändigen Dichters Alexander Galajda” erzählt vom Leben in der ungarischen Stadt Györ zwischen 1933 und 1945. Ein Meisterwerk der Groteske.
Buchbesprechnung im ORF Landesstudio Kärnten am 22. Juli 1996
Aus der Sicht eines frühreifen und hochintelligenten Kindes werden mit großer Genauigkeit und Sinn fürs Detail die Lebensverhältnisse einer ungarischen Großfamilie geschildert. Die Autorin entwirft Skizzen alltäglicher Grausamkeit der Menschen, deren Verhalten hier gnadenlos unter die Lupe genommen wird. Verknüpft mit den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges zeigt Hofmann den Kleinkrieg einer Familie. Die Absurdität des Krieges tritt aus der Sicht des Schwächsten, des Kindes, besonders deutlich hervor ...
Mit den Augen eines noch nicht von der Gesellschaft Genormten nehmen die Konturen der Normalität skurrile Züge an. Das Kind, das sich gegen eine Prägung durch die fragwürdigen Werte der Erwachsenden wehrt, behält sich durch äußere Teilnahmslosigkeit und kindlichen Aktionismus seine Freiheit ... Die Ichform der Erzählerin ermöglicht ein lockeres Springen in der Zeit. So gibt es mehrere geschickt ineinander verzahnte Vergangenheitsebenen, in denen das Erlebte von der Erzählerin reflektiert wird und dennoch mit dem Anschein geradezu zwangloser Assoziation dem Leser entgegentritt. So entsteht eine literarische Form, in der die einzelnen Erinnerungsschichten wie bei einem Puzzle zusammengesetzt werden müssen ...
Hofmanns Roman, ein Pandämonium von Geschichten und ein Netz von familiären Verstrickungen, ist manchmal schwierig zu fassen, und doch, die Filmbilder der Erinnerungen, obwohl sie manchmal verrückt spielen, „liegen doch nicht sinnlos aufeinander in ihrer scheinbaren Unordnung“.
Die Zeit, Hamburg, Nr. 43, 18. Oktober 1996, Elke Schmitter
UNORDNUNG, DAS LEBENDIGE ... meist kämmt Erinnerung die Läuse aus dem Schopf; entwirrt die Knoten, macht aus dem langen Leben einen glatten Zopf. Bei Maria Georg Hofmann ist Erinnerung so abgebildet, wie sie tatsächlich funktioniert: als ein Gewirk aus eigenen Bildern und fremden Sätzen, als eine Vergegenwärtigung von Fremdheit, wo Nähe verordnet war – und als die Erfahrung von Vertrauen, wo Befremden, nach der Logik der immer schon wissenden Erwachsenen, angezeigt gewesen wäre. Der lange Atem ihrer Erzählung verbindet die vielen Geschichten zu einer Lebensgeschichte, ohne dort Ordnung zu schaffen, wo Unordnung das Lebendige ist. Die Historie greift brutal in diese Kindheit ein, der Zufall ist häufig ein Schrecken, das Verlässliche selten angenehm. Aber dort, wo das Kind selbst es nicht erwartete, wendet das Schreckliche sich auch zum Schönen, gibt eine lichtlose Situation einen unerwarteten Weg frei. Sentimentalität und jener Optimismus, den Phantasielosigkeit grundiert, kommen in diesem Bericht nicht vor – dafür aber ist er durchzogen von einem scharfen Sinn fürs Groteske. Denn das Groteske, lehrt dieses Buch, ist keine Verzerrung der Wirklichkeit; es ist im Gegenteil öfter mit ihr identisch, als wir es glauben wollen.
Profil, 14. April 1997 (Paul Yvon)
... Als Dramatikerin anerkannt, verarbeitet sie Themen, die ihr den Ruf einer Chronistin der Grausamkeit eingetragen haben ... Das Kunststück ist, mit wie viel Witz sie durchblickt, mit welcher Lust sie erzählt, mit was für einer Pranke die Linkshänderin locker Jahrzehnte rafft und damit unsere Zukunft beschreibt ...
Die Hölle auf Erden ist nicht neu; seit jeher dröhnen die Hämmer, wenn Schwache in Kisten vernagelt werden, und es braucht feine Ohren, ihre armen Klopfzeichen wahrzunehmen. Maria Georg Hofmann hat feine Ohren. „Galajda“ ist keine Biografie, wie ein Kind aus der Kiste rausfindet, sondern ein Entwicklungsroman, wie ein Kind die soziale und sexuelle Anpassung mit Erfolg verweigert.
Salzburger Fenster, 2. April 1997, Brigitte Benedukt-Teubl
.... Mit Humor, Ironie und Sarkasmus, die eine bis zur grotesken Verfremdung der Realität gehende Steigerung erfahren, wird ein dichter Kosmos gesellschaftlichen und seelischen Geschehens entworfen. Detailgenaue Beschreibungen der Realität Ungarns zur Zeit der Horthy-Diktatur und des Krieges vermischen sich mit den Phantasien und Erklärungsversuchen des Kindes zur psychologischen Durchdringung der Wirklichkeit, zur Wendung ins Surreale. Denn erst sie, die surreale Brechung der Realität, öffnet den Blick für das Absurde der Wirklichkeit selbst, für die Wahrheit hinter den Dingen. ... Schon mit dem so harmlos erscheinenden Weihnachtsspaziergang am Beginn des Romans setzt eine Bewegung ein, die mitten hineinführt in die Ungeborgenheit und Lieblosigkeit innerhalb der Familie, die wie der Horthy-Staat gnadenlos all jene Mitglieder ausgrenzt, welche mit ihrem Gebrechen oder ihrer Außergewöhnlichkeit die Ordnung stören. ...
Am Ende des Romans wird der androgyne Dichter durch eine Vision des Kindes zum Engel, zum „Angelus Novus”, und damit zum Symbol einer Utopie, einer Brücke des Verstehens zwischen Mann und Frau und der Anerkennung aller Geschlechtsausrichtungen. Dieser hoffnungvolle Ausblick erinnert an einen Satz Musils: „Das Mögliche erfasst jedoch nicht nur die Träume nervenschwacher Personen, sondern auch die noch nicht erwachten Absichten Gottes”.
Literatur und Kritik, November 1997, Paul Yvon
Normverweigerung – Maria Georg Hofmanns großer Auftritt
... Das Inhaltsverzeichnis müsste 446 Seiten haben.
1938-1945, Györ. Familie im Krieg und Krieg in der Familie wie in schönsten Friedenszeiten. Maria Georg Hofmann, das Kind Giorgio, erzählt von seiner Weigerung, die zahlreichen Normen zu leben. Ein einziger Gerichtsbericht: Das Urteil des wunderlich behinderten, unschuldigen Kindes über Ereignisse, Personen und ihre Darsteller. ...
Das Buch überschreitet alle Grenzen, daher auch die des Rezensenten.
Kinder denken radikal und gut. Deshalb wird jedes Kind überrascht durch den Krieg, naturgemäß mehr durch den nicht erklärten in der Familie. Der Vater Giorgios ist ein mordender Sadist, zugleich ein zärtlicher Liebhaber toter Maschinen, die er mit den innersten Ohren wieder zum Leben erweckt. Die Mutter, eine Unglücksfrau, die den Mann quält, und beide quälen sie das Kind, das freche.
Kinder sind frech, denn sie sehen Dinge simpel und reagieren angemessen. Giorgio verteidigt sich im Existenzkampf und Geschlechterkampf, wie die erwachsene Hofmann später ihr Buch schreiben wird. ... In der Geschlechterrolle wird angedeutet, warum und worin sich dieses Buch der normierenden Beschreibung entzieht: Es löst das Knäuel radikal; es verweigert jede Norm als lebensfeindlich. ...
Ihr verzweifelter Mut zeigt Zukünftiges: Erst die Grenzüberschreitung macht Leben im Lebensfeindlichen möglich; Linkshändigkeit ist in diesem tumultuösen Existieren enorm hilfreich, wenn man ihre Folgen überlebt: sie macht überdeutlich das glühende Korsett, bereitgehalten von Menschen für den einzigartigen Menschen.
Autobiographie ist der Beweis des Erwachsenen mit den Mitteln der Kindheit. Nun sorgt so eine entsetzliche Kindheit normalerweise dafür, dass das Kind nicht erwachsen wird – und wenn, dass es sich dieser Kindheit nicht erinnert. Georg Maria Hofmann hat auch darin die Norm verweigert. Daher ist das Buch keine Autobiographie, dazu ist es zu mutig und zu ungestüm, zu ungeordnet und labyrinthisch, zu wahrhaftig im Beschreiben mit den Augen des Kindes.
Tomas Friedmann, Geschäftsführer Literaturhaus Eizenbergerhof Salzburg, 26. Mai 1998
Maria Georg Hofmann ist bisher mit Theaterstücken an die Öffentlichkeit getreten. Mit ihrem ersten (Entwicklungs-)Roman hat sie sich als ernstzunehmende Stimme in die österreichische Gegenwartslisteratur geschrieben. Mit schier grenzenloser Phantasie und großer Freude an grotesken Bildern erfindet Hofmann die Geschichte einer Kindheit in der ungarischen Provinz der 30er Jahre, die sich die Erzählerin lust- und schmerzvoll nach mehr als 5 Jahrzehnten in Erinnerung ruft und mit dem Chor der Stimmen der Verwandten in der Gegenwart vermischt. Dabei entsteht keine Familiensaga, sondern vielmehr ein Mikrokosmos der Provinz, keine Biographie, sondern vielmehr die detaillierte Geschichte einer Verweigerung gesellschaftlicher Normen: sprachlich vielschichtig, komisch, liebevoll, wirklich.
Dr. Christa Gürtler, Leiterin des Salzburger Literaturforums „Leselampe”, 26. Juni 1998
Das Bild „Angelus Novus” von Paul Klee – der Engel der Geschichte – bildet auf dem Umschlag des Buches die utopische Folie für einen Blick auf das 20. Jahrhundert, das geprägt ist von Gewalt und Krieg. Der Roman entfaltet ein vielstimmiges Geschichtspanorama. Komisch und grotesk spiegeln sich in den Dramen einer weitverzweigten Familie wie in einem Mikrokosmos die Schrecken der gesellschaftlichen und politischen Gewaltverhältnisse. In dieser Familiensaga, in der alle sozialen Schichten, vom Großbürgertum bis zum Deklassierten, Außenseitern und Verrückten vertreten sind, prallen die ideologischen und politischen Gegensätze mit voller Wucht aufeinander. Da gibt es Tanten auf der Suche nach einem Mann, Kriegsbegeisterte und Kriegsverweigerer, Gewinner und Verlierer in einem Land, dessen Reichsverweser Horthy die Geschäfte an die Nazis übergeben musste.
Maria Georg Hofmann spannt den Bogen weit, sie findet eine Sprache und einen Stil für das Chaos, das Wirklichkeit heißt. Die Vielstimmigkeit des Lebens wird in einer Vielfalt von Charakteren und grotesken Geschichten eingefangen, die sich an der Literatur der Moderne orientieren, die nach 1945 in der deutschsprachigen Literatur nur selten so gut gelang wie hier. Hofmann hat mit der Figur des linkshändigen Dichters Alexander Galajda eine Figur erschaffen, die man Ulrich, Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, getrost zur Seite stellen könnte. Führen in Musils Roman alle Fäden des Knäuels in den Ersten Weltkrieg, so hat er bei Maria Georg Hofmann nie aufgehört.
Aber da gibt es auch den Widerstand gegen den Krieg, den Widerstand eines Kindes, das Erfahrungen macht, nach Erklärungen sucht, sich nicht anpassen will, das sich nicht zufrieden gibt mit den Angeboten an Rollen und Zurichtungen. Der Kampf gegen die Norm ist auch einer gegen die Zuschreibungen des Geschlechts, weder Mann noch Frau will dieses Kind werden, sondern ein Engel, etwas, das es noch nicht gibt. Der Roman erzählt auch von der Entstehung der Transidentität/Transsexualität und vom Werden eines Dichters, der linkshändig ist.
In der Erinnerung an die eigene Kindheit werden viele Geschichten lebendig, einen roten Faden des Lebens und des Erzählens werden wir vergeblich suchen. Aber finden ein Meisterwerk, das uns den Weg weist aus den Schrecken der Geschichte, die gebannt werden mit Witz, Komik und Lust am Grotesken. Wegweiser kann der Engel der Geschichte sein, ein Bild, das Walter Benjamin in seinem Essay über den „Begriff der Geschichte“ verwendet und sich auf Klees „Angelus Novus“ bezieht. Der Engel der Geschichte hat sein Antlitz der Vergangenheit zugewendet, „er sieht eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. ... Aber ein Sturm weht vom Paradies her“ und ist so stark, dass der Engel unaufhaltsam in die Zukunft getragen wird. Weshalb sich am Ende der Bogen zum Anfang schließt. „Wunderbarer Morgen“ heißt der letzte Satz des Romans.
Bücher-Bord, Graz, 01/1996, Franz Eiselt
... Ein Stück Zeitgeschichte und ein Stück Autobiographie. Aber es ist mehr: ein Pandämonium menschlicher Leidenschaft, Triebhaftigkeit und Bösartigkeit im banalen Alltag einer Kleinstadt. Das begabte, frühreife Kind beobachtet mit unbestechlichem Blick die Schwächen und Unbegreiflichkeiten der Großen, begehrt auf gegen die Norm und leistet – aktiv in den letzten Kriegstagen – Widerstand gegen jede Form von Unmenschlichkeit. Die bösen Erfahrungen dieser jungen Jahre sind das Material, das sich – verdichtet und überhöht – in einer theatralischen Traumwelt widerspiegelt, deren Repräsentant der weltfremde Wirrkopf und homosexuelle Dichter Alexander Galajda ist. Dessen „Nachtstücke” rettet der zwerghafte Artist Jacques Bell für die Nachwelt, und im amerikanischen Reporter Johnny the Kid kehrt er wieder.
Die Fabulierkunst Hofmanns ist gepaart mit Witz, Ironie und einer Neigung für hintergründige Absurdität. Zweifellos ist der Autorin ein bedeutender Roman gelungen, der an den „phantastischen Realismus“ der Wiener Maler erinnert.
Die Furche, Wien, 1. Februar 1996, Nikolaus Link
... Grotesk, absurd und voll beißendem Sarkasmus präsentiert sich die bisher als Dramatikerin bekannte Schriftstellerin in ihrem ersten Roman. In Österreich hat sie nach ihrer Flucht aus Ungarn eine neue Heimat gefunden und legt nun ein Buch vor, dessen vielleicht größte Leistung das Ziehen an Wurzeln jener österreichischen Literatur ist, die den zweiten Weltkrieg also doch überlebt hat.
Anton Thuswaldner, Jänner 2010
... Den Figuren im Roman von Maria Georg Hofmann haftet nichts Großartiges an. Sie werden durch ihre Leiden nicht erhöht, sie bekommen keinen Glanz durch ihre Anstrengungen, ihre Haut heil durch die Zeitläufte zu bringen. Sie sind Krämerseelen, denen mehr zugemutet wird als ihnen eigentlich zustehen dürfte. Helden sehen anders aus.
Der Familienroman Hofmanns spielt Zeitgeschichte in einer Stadt mittlerer Größe, im ungarischen Györ, durch. „Wer in Ungarn einer Minderheit angehört, ist entweder Schwabe oder Jude“, sagte mir die Autorin im Gespräch. Sie erzählt von einer Kindheit in der ungarischen Provinz, die in Unordnung geraten ist, weil die politischen Verhältnisse wieder einmal keinen Stein auf dem anderen lassen. Als der Roman beginnt, ist die Idylle nicht fern: „Etwa zehn Tage vor Weihnachten, ich mochte zwischen vier und fünf gewesen sein“, macht die Schneelandschaft einen friedlichen Eindruck. Hofmann erfindet nicht, sie erinnert sich. Dass dem Roman ein Hang zur Groteske unterstellt wird, hängt nicht mit der überbordenden Fantasie der Verfasserin zusammen, sondern mit den Zuständen im Land, die die Normalität ausgehebelt haben. ...
Das Leben ist unordentlich, warum also soll ein Roman Ordnung schaffen? Eine Vielzahl von Geschichten und Episoden, von kleinen und großen Dramen finden hier ihren Niederschlag. Sie mäandern durch das Bewusstsein von heute, das all diese verlorenen Lebensmomente unter das Mikroskop der Erinnerung hält. Das verleiht dem Roman den Wildwuchs, der nicht zu bändigen vermag, was in der Zeitgeschichte vermasselt wurde.
Im Jahr 1995, als der Roman erschien, war er ein Solitär der österreichischen Literatur. ...
Jetzt, im Abstand von fast fünfzehn Jahren, vermag man zu sagen, dass ihr ein Klassiker der österreichischen Literatur gelungen ist.